M wie Melinda

Das Licht in dir ist das Licht für andere.

J. KRISHNAMURTI

 

„Nein!“, schreie ich voller Entsetzen, während ich in Angst einflößende Höhen katapultiert werde und hilflos durch die Luft wirbele. Wenn ich mich doch irgendwo festhalten könnte! Der Aufprall raubt mir die Sinne. „Atme!“, brüllt jemand und presst schmerzhaft auf meinem Brustkorb herum. Ein widerliches Geräusch bahnt sich den Weg durch meine Kehle, als ich endlich verzweifelt nach Luft ringe. War ich das? Es klingt, als wollte ich sämtlichen Sauerstoff aus dem Universum saugen, mit nur einem Atemzug. Sekunden später völlige Dunkelheit. Für viele Jahre soll dies die einzige Erinnerung bleiben, die ich an den Unfall habe. 19 Jahre meines Lebens – zum Teil vollkommen ausradiert. Meine Kindheit und Jugend verschmelzen zu einem überdimensionalen Schweizer Käse; auf der mühsamen Suche nach Zusammenhängen und Erinnerungen purzele ich von einem Loch ins andere. Die Angst kommt schleichend. Wenn ich kaum noch weiß, wer ich war, wie soll ich dann wissen, wer ich bin?

Mein Unterbewusstsein packt seine Koffer und geht auf die Reise. Im Handgepäck thront unser neuer Begleiter, ein hässliches kleines Monster namens Schmerz. 14 Jahre lang lasse ich nichts unversucht, um es wieder loszuwerden. Doch während ich darum bemüht bin, ihm mit allerlei kostspieligen Heilmethoden und alternativen Trainingsformen zu Leibe zu rücken, schlürft es einen bunten Cocktail nach dem anderen und wird immer dicker. Nach der Geburt meines Sohnes läuft das grunzende Ungeheuer zu seinen persönlichen Höchstleistungen auf und verwandelt meine kaputte Wirbelsäule in eine Art körpereigene Folterkammer – jede Bewegung wird zur Herausforderung. Ich fühle mich wie in einem Kokon aus Watte; mein Leben zieht an mir vorbei, während ich mich in Schonhaltungen übe.

Einige Jahre später stehe ich frustriert in einem großen Elektroladen und starre sehnsüchtig auf eine Reihe hübsch aufgemachter Yoga-DVDs. Völlig unmöglich, ermahne ich mich. Du kannst nicht mal deine Zehen berühren! Dennoch greift meine Hand trotzig in das Regal und erbeutet eine liebevoll gestaltete Hülle. „Haahahaaa“, grölt es lautstark aus meiner Tasche. Das Mini-Ungeheuer hält sich den runden Wanst vor Lachen und rollt prustend zwischen Coktailschirmchen und kandierten Kirschen umher. Augenblicklich möchte ich die DVD zurück ins Regal stellen, doch meine Beine steuern wie von alleine Richtung Kasse. „Spinnst du?“, schreit das Höllenvieh, aber ich bin des Zuhörens längst überdrüssig.

Mit einer alten Isomatte bewaffnet verbringe ich die nächsten Abende vor dem Fernseher. Während ich den herabschauenden Hund und andere interessante Tiere kennenlerne, schimpft der boshafte Handtaschen-Bewohner unaufhörlich vor sich hin und bewirft mein Hinterteil mit griechischen Oliven. Obwohl ich so manchen Rückschlag in Kauf nehmen muss, verzeichne ich gigantische Erfolge. Ich weine und jubele, schluchze und applaudiere. Vieles geht (noch) nicht, aber genauso viel erschließt sich mir wie von Zauberhand. Mein ganz persönlicher großer Moment kommt völlig unerwartet: Ich tauche ab in die Vorwärtsbeuge – und berühre meine Zehen. Einfach so. Als hätte die unsichtbare Barriere, die mir dies jahrelang unmöglich gemacht hat, nie wirklich existiert.

Zur Belohnung schenke ich mir meine erste richtige Yogamatte. In Zen-Schwarz. Schwarz wie das Pferd, das mich der wohl wundersamsten Reise meines Lebens buchstäblich entgegen geschleudert hat – der Reise zu mir selbst.

 

Von ganzem Herzen und mit all meinem Sein danke ich Shri T. Krishnamacharya, dem Gottvater des Yoga, der mit einem jahrtausendealten Verbot brach und es uns Frauen ermöglichte, das Wunder des Yoga zu erfahren und zu unterrichten.

In liebevoller Verbundenheit verneige ich mich vor Ursula Karven, Shiva Rea, Tara Stiles, Maya Fiennes und Kathryn Budig, die zu einer unerschöpflichen Quelle der Inspiration für mich geworden sind. In jeder Hinsicht.

Ich danke meinen AusbilderInnen Romana Lorenz-Zapf, Holger Zapf sowie Anja Neumann-Wedekindt, die mich zu einem Teil der weltweiten Yoga-Familie haben wachsen lassen.

All meine Liebe gebührt jetzt und für immer Gott in seiner unendlichen Güte und Schönheit.
Vaidyo narayano Harih – „Gott ist der größte Heiler.“

Om Shanti-Shanti-Shanti. Frieden, Frieden, Frieden.